Irgendjemand bei World Rugby hat wohl beschlossen, dass Amerika das nächste große Ding ist. Vermutlich saßen da ein paar Herren im Anzug, starrten auf eine Landkarte, sahen all die Football-Stadien und dachten: „Da passt bestimmt auch Rugby rein.“
Und tatsächlich – mit der Major League Rugby (MLR) und der USA Rugby League (USARL) gibt es dort schon zwei Organisationen, die sich redlich bemühen, Rugby in einem Land populär zu machen, das seine Freizeit lieber mit Helmen, Cheerleadern und 300-Kilo-Männern in hautengen Hosen verbringt.
Was passiert gerade?
World Rugby hat beschlossen, die große Offensive zu starten: Rund 250 Millionen Euro sollen in den kommenden Jahren in den US-Markt fließen. Dazu kommen gleich zwei Weltmeisterschaften – 2031 bei den Männern und 2033 bei den Frauen.
Und als wäre das nicht genug, will auch die Rugby-League-WM 2030 in den USA stattfinden. Laut foxsports.com sind bereits Städte wie New York oder Los Angeles im Gespräch. Kurz gesagt: Die Vereinigten Staaten werden zum Versuchslabor für Rugby.
Klingt gewaltig – und ist es auch. Denn wer einmal den Super Bowl gesehen hat, weiß, was dort passiert, wenn ein Ball geworfen wird. Ganz Amerika dreht durch. Milliarden-Dollar-Werbung, Laserlicht, Konfettiregen – und irgendwo dazwischen ein bisschen Sport.
Und jetzt stell dir vor, du kommst mit Rugby – einem Spiel, das niemand versteht, bei dem ständig gepfiffen wird und bei dem man nach einem Try keine Cheerleader, sondern maximal ein anerkennendes Nicken bekommt.
Der Traum vom amerikanischen Rugby
Für amerikanische Rugby-Spieler und Fans klingt dieser Plan natürlich wie ein Ritterschlag. Endlich soll ihre Sportart groß rauskommen – nicht mehr irgendwo zwischen Lacrosse und Curling, sondern auf den großen Bühnen des Landes. Endlich Geld, Aufmerksamkeit, Weltmeisterschaften im eigenen Land. Das klingt nach Durchbruch, nach Anerkennung, nach dem Moment, in dem Rugby in den USA erwachsen wird.
Aber während World Rugby Millionen bewegt und Events in Stadien plant, steht irgendwo in Texas ein Spieler auf einem staubigen Trainingsplatz, zieht sich das Trikot über und weiß: Von all dem Geld kommt hier erstmal nichts an.
Denn auf der anderen Seite des Sportuniversums tobt der Football – mit Colleges, TV-Geldern, Sponsoren, Cheerleadern und einer Industrie, die größer ist als alles, was Rugby je war.
Der amerikanische Vergleich
World Rugby will in den USA dasselbe schaffen, was Football längst ist: ein Ereignis, das Menschen vor den Fernseher zieht, Familien an Tischen versammelt und Städte lahmlegt.
Das Problem? Football ist dort nicht nur Sport, sondern Kultur – tief verwurzelt, ritualisiert und so dominant, dass selbst Basketball und Baseball nur an der Seitenlinie Platz finden.
Rugby dagegen ist ein höflicher Gast auf einer Party, auf der längst getanzt wird. Nett, aber fremd.
Und während Rugby über Taktik, Fairness und Teamgeist spricht, läuft im Nebenzimmer ein 10-Millionen-Dollar-Werbespot für Kartoffelchips.
Blick nach Deutschland
Ich kenne den amerikanischen Markt nicht wirklich, aber ich kenne unseren. Und hier in Deutschland hat Rugby denselben Kampf längst verloren.
Fußball dominiert alles – Stadien, Medien, Werbegelder, Schulhöfe. Jede Minute, in der kein Fußball läuft, ist im deutschen Fernsehen ein kleiner Akt der Rebellion. Rugby? Wird irgendwo spätabends auf ProSieben MAXX versteckt – zwischen Wrestling und Wiederholungen alter UFC-Kämpfe.
Und das ist kein Zufall. Sender und Sponsoren investieren dort, wo sich Einschaltquoten stapeln. Alles andere gilt als Liebhaberei.
Warum sollte es in den USA anders laufen?
World Rugby mag vom „neuen Markt“ träumen, aber Amerika ist kein unbesetztes Land, sondern längst verteilt. Football frisst alles, was ihm im Weg steht. Baseball und Basketball halten sich mit Tradition und Geld. Rugby muss also nicht nur wachsen – es muss sich gegen ein Imperium behaupten.
Und das wird schwer.
Nicht, weil Rugby schlecht ist. Sondern weil Amerika keinen zweiten Football braucht.
Fazit
Ich würde mich freuen, wenn Rugby in den USA durchstartet. Wirklich. Aber im Moment wirkt das Ganze wie ein waghalsiges Experiment, bei dem man hofft, dass ausgerechnet die Nation der Helme und Halftime-Shows plötzlich Freude an einem Sport findet, der ohne Show auskommt.
Vielleicht klappt’s ja. Vielleicht auch nicht.
Aber eines ist sicher: Wenn die Rugby-WM in den USA so spät läuft wie der Super Bowl, dann sehen wir sie hier in Deutschland wieder mitten in der Nacht – und dann heißt es wirklich: gute Nacht.
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